Hans Joachim Wieland: Messer fotografieren wie ein Profi

Das Buch Messer fotografieren wie ein Profi ist bislang die einzige Fachpublikation, die sich ausdrücklich mit der Messerfotografie beschäftigt. Es stammt aus der Feder von Hans Joachim Wieland, der Messerfreunden vor allem als Verleger und Chefredakteur der Zeitschrift Messer Magazin ein Begriff sein dürfte. Aus der praktischen Fotoarbeit für die Zeitschrift ging auch das Buch hervor, das 2010 in der Reihe Messer Magazin Workshop erschien.

Jeder Autor eines Spezialtitels aus dem Umfeld der Fotografie steht vor dem Dilemma, einerseits den Anfänger mit dem nötigen fotografischen Grundwissen auszustatten und andererseits den Fortgeschrittenen nicht mit längst Bekanntem zu langweilen. Wieland widmet den Grundlagen des Fotografierens ungefähr die Hälfte der insgesamt 128 Seiten, wobei das Zusammenspiel von Brennweite, Blende, Belichtungszeit und ISO-Wert durchgehend anhand von Messerfotos demonstriert wird.

Ab dem vierten Kapitel geht es um die speziellen Herausforderungen der Messerfotografie. Zunächst werden verschiedene Techniken vermittelt, wie man Reflexionen und störende Umgebungsspiegelungen in den Griff bekommt. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der optimalen Positionierung von Messer und Kamera. Weiter geht es mit dem Arrangement von mehreren Messern auf einem Foto. An dieser Stelle findet sich auch ein Einschub über Makroaufnahmen, der durchaus ein eigenes Kapitel verdient gehabt hätte.

Das umfangreiche letzte Kapitel ist dem Thema Dekoration gewidmet, in dem Wieland sowohl auf die Outdoor-Fotografie als auch auf Aufnahme-Sets im Studio eingeht. Hier hätte ich mir gewünscht, dass der Autor auch die Gestaltungsmöglichkeiten mit Aufnahmetisch und Hohlkehle in seine Ausführungen einbezogen hätte. Insgesamt werden die Dos and Don’ts der Messerfotografie mithilfe zahlreicher Aufnahmen sehr anschaulich dargestellt. Die Fotos mit Vorbildcharakter können dabei freilich nicht immer überzeugen: Auf Seite 109 etwa schaffen die starken Farben der Krawatte und das kleinteilige Fischgrätenmuster des Sakkos einen viel zu dominanten und unruhigen Hintergrund, um darauf ein Taschenmesser zu platzieren.

Anfänger werden das Buch mit großem Nutzen durcharbeiten, weil viele wichtige Dinge angesprochen werden, über die sich Gelegenheitsfotografen in der Regel keine Gedanken machen. Wer sich jedoch bereits intensiver mit Objekt- oder Produktfotografie – und hier insbesondere mit dem Fotografieren von Glas und metallischen Objekten – beschäftigt hat, wird aus dem Band wenig Neues erfahren. Darüber hinaus ist das Buch mittlerweile etwas in die Jahre gekommen, was sich an mehreren Stellen bemerkbar macht: Das Thema Dauerlicht war im Erscheinungsjahr noch keins, weil Scheinwerfer und Videoleuchten damals eine geringe Lichtausbeute bei hoher Wärmeentwicklung boten. Folgerichtig beschäftigt sich Wieland ausschließlich mit dem Einsatz von Blitzgeräten. Heute stellen moderne LED-Leuchten mit hohem Farbwiedergabeindex eine echte Alternative zu Blitzanlagen dar und werden von vielen Anfängern sogar bevorzugt, weil sich mit ihnen die Ausleuchtung eines Sets sehr viel intuitiver einrichten lässt. Auch Handy-Kameras waren seinerzeit noch nicht leistungsfähig genug, um überhaupt als ernsthaftes Fotografierwerkzeug in Betracht gezogen zu werden, weshalb sie im Buch auch nicht vorkommen. Inzwischen haben Smartphones mit integrierten hochwertigen Kameras die herkömmliche digitale Kompaktkamera so gut wie vom Markt verdrängt. Gänzlich ausgeklammert bleibt auch der Aspekt der Nachbearbeitung von Messerfotos mit Lightroom, Photoshop oder Smartphone-Apps wie Snapseed.

Nach sieben Jahren täte dem verdienstvollen Buch eine gründliche Überarbeitung gut: Die Ausführungen zu analogen Kameras und Filmsorten könnten ersatzlos gestrichen werden, das Kapitel „Das richtige Licht“ müsste modernisiert und mit einem Unterkapitel über Dauerlicht ergänzt werden. Da die meisten Hobbyfotografen ihre Bilder heutzutage in sozialen Netzwerken verbreiten, sollte ein Kapitel über das gezielte Fotografieren für die spezifischen Bildformate von Facebook, Instagram und Co. hinzukommen. Ein Kapitel mit Tipps und Tricks zur kreativen Bildbearbeitung darf künftig auch nicht fehlen, da Werkzeuge wie Photoshop und Lightroom längst nicht mehr allein den Profis vorbehalten sind.

Hans Joachim Wieland: Messer fotografieren wie ein Profi, 128 Seiten, Format 17,4 x 23,2 cm, Softcover mit Spiralbindung, EUR 29,80 (ISBN 978-3938711408)

Bezugsquelle: Amazon

Unsere Wertung:

2017-08-31T09:11:27+00:00 21. Juli 2017|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt und fotografiert regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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