Blick hinter die Kulissen: Die Konzeption eines Fotoshootings für die Zeitschrift „Messer Magazin“

Vor jedem Fotoshooting stehen inhaltlich-konzeptionelle Überlegungen: Wo werden die Fotos veröffentlicht? Welchem Zweck dienen sie? Welche Zielgruppe sollen sie ansprechen? Ich möchte am Beispiel eines Beitrags für die Zeitschrift Messer Magazin den gedanklichen Prozess Revue passieren lassen, der dem Shooting vorausging und es begleitete.

Die handwerklich-technischen Faktoren (Set-Aufbau, Licht, Kameraeinstellungen usw.) bleiben bewusst unberücksichtigt, weil sie letztlich nur Mittel zum Zweck sind.

Die Rahmenbedingungen

Ein kurzer Testbericht in der Zeitschrift Messer Magazin erstreckt sich über eine Doppelseite: Auf einer linken Magazinseite bildet ein ganzseitiges Aufmacherfoto samt Überschrift und Vorspann den Auftakt, rechts folgen dann der Fließtext mit Datentabelle sowie zwei, drei weitere Fotos.

Für den im Heft 4/2017 erschienenen Artikel über eine neue Messerserie von PassionFrance, die vier verschiedene Modelle umfasst, vereinbarte ich mit der Redaktion einen Umfang von drei Doppelseiten.

Messer Magazin 4/2017, S. 38/39

Hintergrund und Dekogegenstände

Da die vier Taschenmesser ursprünglich aus einer bäuerlich geprägten Lebenswelt stammen, gestaltete ich einen rustikalen Hintergrund, indem ich mehrere Altholzbretter nebeneinanderlegte. Drei der vier Messergriffe waren mit polierten Horn- und Knochenschalen ausgestattet, sodass sich zudem ein schöner Oberflächenkontrast zu der groben Holzstruktur ergab.

Die passenden Dekogegenstände für französische Messer auszuwählen, ist immer eine heikle Angelegenheit, weil man schnell in einer klischeehaften Kulisse aus Baguette, Rotwein und Weichkäse landet. Für das Aufmacherfoto entschied ich mich für ein Arrangement aus Morbier-Käse, Salami, Radieschen und Petersilie, für die anderen Fotos kamen noch bunte Pfefferkörner, zwei kleine Gewürzschütten, eine Flasche Rotwein samt Korken sowie ein Weinglas zum Einsatz. Stereotype lassen sich eben nie komplett vermeiden.

Wer französische Messer fotografisch in Szene setzt, muss sich davor hüten, in einer klischeehaften Kulisse aus Baguette, Rotwein und Weichkäse zu enden.

Das Aufmacherfoto

Das Aufmacherfoto  ist der „hero shot“ oder „beauty shot“, der das Messer von seiner besten Seite präsentieren soll. Bei einem Einzeltest ist auf dem Aufmacherfoto im Messer Magazin üblicherweise das aufgeklappte Taschenmesser zu sehen, wobei die Sichtachse der Kamera einen schrägen Winkel zur Unterlage bildet.

Die Herausforderung bei dem PassionFrance-Beitrag bestand darin, eine hochformatige Bildkomposition mit vier Messern zu kreieren, ohne dass ein gedrängter Eindruck entsteht. Ich entschloss mich daher, nicht alle vier Messer im geöffneten Zustand zu präsentieren, sondern nur zwei, die anderen beiden Messer blieben geschlossen.

Das Aufmacherbild muss immer so fotografiert werden, dass es einen Freiraum für Titel und Vorspann lässt und am rechten Rand über genügend Abstand zur späteren Heftfalz verfügt. Vergleicht man das Ursprungsfoto mit dem veröffentlichten Foto, fällt auf, dass die maximale Breite des Bildes ausgenutzt wurde und die Höhe so beschnitten wurde, dass oben noch das atmosphärische Food-Arrangement im Anschnitt erkennbar ist und unten genügend Platz für Überschrift und Teaser bleibt.

Miniaturbilder

Um dem Leser die Zuordnung jedes einzelnen Messermodells zu der dazugehörigen Datentabelle zu erleichtern, benötigte ich von jedem Modell eine Art Miniaturbild, das beim Layouten in der Nähe des Datenkastens platziert werden konnte. Mit anderen Worten: Jedes Messer musste so fotografiert werden, dass es sich mühelos freistellen ließ. Im Fachjargon der Grafikdesigner bedeutet „freistellen“, dass der Hintergrund eines Fotos entfernt wird, um den fotografierten Gegenstand zu isolieren. Das freigestellte Motiv kann im nächsten Schritt auf einem beliebigen neuen Hintergrund platziert werden.

Um das Seitenverhältnis der Bilder möglichst kompakt zu halten, fotografierte ich jedes Messer mit der Klinge in 45-Grad-Stellung. Das Freistellen – in diesem Falle das Entfernen des weißen Hintergrunds – überließ ich den Profis in der Grafikabteilung des Verlags. Im fertig gelayouteten Artikel liegen die freigestellten Messer direkt über den rot hinterlegten Datenspalten und sind mit einem leichten Schlagschatten versehen.

Freigestelltes Laguiole-Messer

Gruppen- und Einzelfotos

Da das Aufmacherfoto nur zwei der vier Messer im geöffneten Zustand zeigt, fotografierte ich die aufgeklappten Messer noch einmal paarweise, damit der Leser des Artikels jedes Messer mindestens einmal im vollen Umfang zu sehen bekommt.

Um das Größenverhältnis von Hand und Messer zu demonstrieren, sind die sogenannten Handlage-Fotos geradezu obligatorisch für jeden Beitrag im Messer Magazin. Bei einem Artikel über mehrere Messer in einem vergleichbaren Größensegment wäre es allerdings langweilig, zu jedem Messer auch ein Handlage-Foto zu veröffentlichen. Da ich der Redaktion die Entscheidung über die Bildauswahl lassen wollte, fotografierte ich zwar alle vier Taschenmesser, doch nur zwei Handlage-Fotos – die des London und des Seurre – schafften es in den Artikel.

Um sicherzustellen, dass jedes Messer mindestens einmal im geschlossenen Zustand abgebildet wird, stellte ich der Redaktion auch hierfür Einzelfotos zur Verfügung. Mit Blick auf den begrenzten Platz fotografierte ich darüber hinaus noch ein Gruppenbild mit allen vier Messern im zugeklappten Zustand, das dann auch tatsächlich den Vorzug gegenüber den Einzelbildern erhielt.

Detail- und Zubehörfotos

Um die Besonderheiten eines Messers herauszustellen, liefere ich mit jedem Magazinbeitrag auch immer eine Handvoll Detailfotos ab. Da das Laguiole-Messer, das mir zur Verfügung stand, mit einem Korkenzieher ausgerüstet war, bekam dieser ein eigenes Foto. Die Dekoration mit Weinflasche, Korken und Glas ist so arrangiert, dass das Flaschenetikett nicht erkennbar ist. Das hat nichts mit Schleichwerbung zu tun, sondern vielmehr damit, dass die Aufmerksamkeit des Betrachters nicht vom Messer abgelenkt werden soll. Da sich hochstielige Weingläser aufgrund des Größenunterschiedes schlecht mit Taschenmessern kombinieren lassen, verwendete ich ein kleines Trinkglas. Wer genau hinschaut, wird auf der Vorderseite des Glases zwei französische Lilien entdecken.

Zur Dokumentation der makellosen Verarbeitungsqualität fotografierte ich darüber hinaus den Klingenstand der vier Messer. Und schließlich waren mir die originellen Stofftäschchen ein Bild wert. Alle drei Fotos fanden Eingang in den veröffentlichten Artikel.

Sonstige Fotos

Die Redaktion benötigt über die Artikelfotos hinaus auch noch Bilder für das Cover, für das Inhaltsverzeichnis und für die sozialen Medien. Deshalb fotografierte ich noch einmal Gruppenbilder mit allen vier Messern, allerdings nicht wie das Aufmacherfoto im Hochformat, sondern im Querformat.

Fazit

Ich hoffe, dieser kurze Einblick in die konzeptionellen Überlegungen zu einem Messer-Fotoshooting vermittelt etwas von den speziellen Anforderungen eines Zeitschriftenbeitrags. Im Unterschied zur stimmungsvollen Inszenierung mit raffinierter Lichtführung und erlesenen Dekogegenständen liegt der Fokus bei einem solchen Shooting auf der sachlichen Präsentation möglichst vieler Eigenschaften eines Messers. Requisiten können dabei als atmosphärische Hilfsmittel zum Einsatz kommen, sie dürfen jedoch nie die Bildaussage dominieren.

2017-09-12T18:16:02+00:00 20. August 2017|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt und fotografiert regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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